Meine Freunde nannten mich Pierrot – nach Godards „Pierrot le fou“, dem Film, in dem Belmondo sein geordnetes Leben in Paris stehen lässt und einfach losfährt, Richtung Süden. Warum sie ausgerechnet auf mich kamen, kann ich mir bis heute nicht erklären. Unter meinen Artikeln stand er als Pseudonym bis etwa 1990 – und damit nicht jeder Pierrot meiner sein konnte, bekam er ein kleines Dach: pierrôt. Beruflich brauche ich ihn längst nicht mehr, aber meine alten Freunde nennen mich bis heute so.

Cholera in Istanbul
Im Spätsommer 1970 war ich in der Türkei unterwegs. Das türkische Radio meldete, die Cholera habe das Land erreicht – und dann wurde es still. In Istanbul, einer Stadt von damals drei Millionen Menschen, liefen die Gerüchte schneller als jede Nachricht. Von ersten Todesfällen war die Rede, offiziell bestätigt wurde wenig. Vor den wenigen Impfstellen standen lange Schlangen; Tausende Touristen durften das Land erst nach der Schutzimpfung verlassen, und viele wussten kaum, was eigentlich los war.
Ich schrieb darüber für das Luzerner Tagblatt und das Zuger Tagblatt: über Früchte, die man plötzlich nicht mehr essen konnte, über abgefülltes Trinkwasser, das nicht überall rein war, über die Wasserverkäufer in den Strassen – und darüber, dass das Radio es bei ein paar wenigen Meldungen beliess. Den Text schickte ich per Fernschreiber aus der Redaktion von Hürriyet Gazetesi in die Schweiz, das Foto per Fax – solche Apparate gab es damals nur in den wichtigsten Redaktionen, und sie waren riesig. Der Artikel erschien am 29. August 1970.

Reportagen zum Unbehagen
Es blieb nicht bei der Cholera. Eine weitere Reportage führte mich ins Hochland von Afyon, wo damals Schlafmohn für Opium angebaut wurde – Afyonkarahisar heisst wörtlich „schwarze Opium-Festung“. Es waren Reportagen zum Unbehagen der damaligen türkischen Regierung. Ich habe daraus gelernt, wie viel Information wert ist – gerade dort, wo jemand sie lieber zurückhalten möchte.
Der rote Faden
Aus pierrôt, dem Reporter, wurde später der Netz-Pionier in der Bresse – und heute coorda. Die Werkzeuge haben sich verändert, vom Fernschreiber über den Röhrenmonitor bis zum Handy. Der Gedanke dahinter ist geblieben: Menschen sollen erfahren, was in ihrer Nähe wirklich los ist – ehrlich, aus erster Hand, ohne dass jemand daran verdient, sie zu beobachten.
Die Ausschnitte stammen aus dem Luzerner Tagblatt / Zuger Tagblatt vom 29. August 1970.
2006: Coorda, the synergy people – von La Réunion in die Welt
1997: Als das Internet nach Sainte-Croix-en-Bresse kam